Eines Tages war Gott in einer gar heiklen Mission unterwegs. Er sollte die wahren Täter bestrafen.
Ein riesiger Saal war zum Bersten voll.
Auf der einen Seite saßen die jungen Nachkommen der "Täter" und - streng getrennt durch einen Mittelgang - saßen die jungen Nachkommen der Opfer.
Die einen hatten für die anderen nur feindselige Blicke übrig.
Ganz hinten saßen, zum Teil geh- und flug- behindert im Rollstuhl, blind und taub gewordene Opfer von damals. Streng getrennt durch einen breiten Gang, geschmückt mit Vergissmeinnicht und Dornenstrauchwerk.
An den Seiten saßen jeweils Täter und Opfer der jüngeren Geschichte, manche kamen sogar aus Übersee. Aber um die kümmerte sich interessanter Weise niemand, obwohl ihre Zahl beträchtlich war- und auch ihre Verletzungen. Da saßen Vögel ohne Beine, ohne Flügel, blind und fürs ganze Leben gezeichnet. Manchen waren die Flügel ausgerissen worden, noch bevor sie Federn hatten. Nie mehr fliegen können, nie mehr gehen können ... Doch es war, als ob die vielen Vogelopfer der jüngeren Vergangenheit und der Gegenwart überhaupt nicht existierten, für die "Wahren Opfer" und deren Nachkommen.
Gott aber sah sie alle und er sah in ihre Herzen. Was er sah, machte ihn sehr traurig. "Werden Sie nie davon loslassen, wie lange werden sie die Geister der Vergangenheit noch aus den Gräbern zerren?"
Plötzlich aber sah er wie einige Vogelküken von links vorne, rechts hinten, von der rechten und der linken Seite sich leise aus dem Saal schlichen. Es war ihnen langweilig geworden und die Luft im Saal roch nach Sturheit, Steifheit, Unversöhnlichkeit und Altersstarrsinn.
Sie liefen hinaus und begannen miteinander zu spielen und sie hatten viel Spaß dabei, ihr Lachen war wie der Klang von Osterglocken und ihr Gezwitscher erinnerte an den kommenden Frühling und das Brechen von Eis. Doch die da drinnen im Saal waren taub und blind geworden für Osterglocken.
Die kleinen, bunten Vögelchen wussten noch nicht, dass ihre Eltern Großeltern und Urgroßeltern Todfeinde waren. Sie hätten sich sonst gewiss mit den Schnäbeln zerhackt.
Doch es bleibt zu hoffen, dass Gott in Seiner Gnade den Schleier des Vergessens und Vergebens über die Herzen der Opfer, der Täter und deren Nachkommen ausbreitet, und endlich Gras über die Wunden und Gräber der Opfer und Täter wachsen darf.
Damit wieder das Singen, das Gezwitscher, das Klopfen, Gurren, Piepsen und Schnattern in allen Vogelstimmen über der ganzen Gartensiedlung gehört werden kann - unzensuriert und zur Ehre des Lebens.